Die Fremdanamnese




Eine Fremdanamnese bedeutet, dass die Anamnese nicht mit dem Patienten selbst durchgeführt wird, sondern vor allem mit einem Familienmitglied, wie zum Beispiel den Kindern oder den Eltern, einem zuständigen Betreuer oder vielleicht sogar mit einem Freund oder einer Nachbarin. Die Fremdanamnese wird in dem Moment durchgeführt, in dem der Patient die Fragen des Arztes nur noch unzureichend oder vielleicht sogar gar nicht mehr beantworten kann, da er oder sie nicht mehr zurechnungsfähig oder ansprechbar ist. Dies kann der Fall sein bei PatientInnen die noch zu jung sind, dement sind, eine Bewusstseinsstörung haben, an Psychosen leiden, sonstige Behinderungen aufweisen oder auch nicht über die sprachlichen Kenntnisse verfügen, sodass das Beantworten der Fragen seitens des Patienten nicht möglich ist.


Worauf ist bei einer Fremdanamnese zu achten?

Da die Fremdanamnese auch immer öfter in einzelnen Bundesländern während der medizinischen Fachsprachprüfung durchgeführt wird, gehen wir in unserem neuen Blogbeitrag auf die wichtigsten Punkte ein, die Ihr bei einer Fremdanamnese beachten solltet.


Erst einmal ist es wichtig, dass Ihr prüft, inwieweit der Patient oder die Patientin, um den es eigentlich während der Anamneseerhebung geht, ansprechbar ist. Ist der Patient ansprechbar solltet Ihr auf jeden Fall auch ein Gespräch mit ihm oder ihr führen, um herauszubekommen, ob der Patient oder die Patientin weiß wo er bzw. sie gerade ist und ob das auch in Ordnung für euren Patienten ist. Denn auch bei einer Fremdanamnese geht es um eine Arzt-Patientenbeziehung die auf Vertrauen beruht und das Gesagte unterliegt weiterhin der Schweigepflicht. Daher solltet Ihr prüfen, ob der Patient tatsächlich damit einverstanden ist, sich befragen und untersuchen zu lassen, bzw. ob er oder sie damit einverstanden ist, wenn eine dritte Person Informationen über ihn bzw. sie herausgibt.


Bei jüngeren Patienten muss zuerst immer seitens der administrativen Aufnahme im Krankenhaus geprüft werden, ob die anwesenden Personen wirklich die Eltern des Patienten sind. Ist der Patient nämlich minderjährig müssen die Eltern schriftlich bestätigen, dass das Kind befragt und vor allem auch untersucht werden darf, da es ja zum Beispiel bei einer Blutabnahme bereits um einen minimal invasiven Eingriff geht und der Arzt/die Ärztin sonst der Körperverletzung bezichtigt werden könnte. Sobald der Patient dann beieuch angekommen ist, würden wir euch bitten noch einmal kurz gegenzuchecken, dass alles seine Richtigkeit hat, bevor Ihr mit der Anamneseerhebung und den Untersuchungen anfangt. Dann könnt Ihr gerne beginnen euren Patienten zu befragen. Bei minderjährigen Patienten bei denen die Eltern mit anwesend sein müssen, kann es sein, dass die Eltern zum Beispiel mehr Auskunft über die Familienanamnese geben können, als das Kind bzw. der Jugendliche selbst. Geht es jedoch um die Symptome und den dazugehörigen Verlauf, wird euch euer Patient wahrscheinlich die besten Informationen geben können. Daher solltet Ihr immer darauf achten, dass Ihr ein Gespräch mit beiden Parteien führt. Dabei gilt es zusätzlich zu beachten, dass Ihr die beiden Parteien, also Eltern und Kind jeweils richtig ansprecht. In Deutschland gibt es eine Faustregel bis wann wir Menschen duzen und ab wann wir sie siezen. Jugendliche bis 16 Jahre können geduzt werden und Personen ab 16 Jahren werden gesiezt. Habt Ihr also einen minderjährigen Patienten bis 16 Jahre, möchten wir euch bitten euren Patienten in der Prüfung mit dem “Du” und somit auch seinem bzw. ihrem Vornamen anzusprechen. Die Eltern des Patienten werden selbstverständlich gesiezt und mit dem Nachnamen angesprochen.


Wann macht eine Fremdanamnese zusätzlich Sinn?


Eine Fremdanamnese kann in besonderen Einzelfällen Sinn ergeben, auch wenn der Patient selbst zurechnungsfähig und ansprechbar ist. Dies ist vor allem der Fall, wenn es darum geht zu prüfen, ob der Patient einer besonderen Stresssituation ausgesetzt ist. Sprechen wir in so einem Fall mit Angehörigen oder Freunden, kann dies helfen ein besseres Bild der psychosozialen Situation zu erhalten. Psychosozial bedeutet inwieweit der Patient aufgrund seines physischen und vor allem psychischen Zustandes noch an seinem Sozialleben teilnimmt und sich mit Freunden oder Familie trifft. Außerdem kann eine Fremdanamnese bei Patienten helfen, die dazu neigen ihre Symptome oder Erkrankungen eher herabzuspielen oder zu verschweigen. Dieses Verhalten nennen wir in der Fachsprache auch Dissimulation. Ein Gegenteil zur Dissimulation ist das Münchhausen Syndrom, hierbei täuschen Patienten Symptome und Erkrankungen vor. Auch bei einem Verdacht auf Drogen- oder übermäßigen Alkoholabusus kann es helfen mit Freunden oder Familienmitgliedern des Patienten zu sprechen, da es in diesem Fall vorkommen kann, dass der Patient nicht offen über seinen Konsum kommunizieren kann oder will.


Bei solchen Patienten ist es besonders wichtig sich darüber zu informieren, ob der Patient mit der Fremdanamnese einverstanden ist. Sollte dies nicht der Fall sein, kann dies zu einem Vertrauensverlust und im schlimmsten Fall sogar zur Nicht-Behandlung führen, da der Patient keinen weiteren Arzt oder keine weitere Ärztin aufsucht, da er Angst hat erneut in so eine Situation zu geraten.


Die Fremdanamnese in der medizinischen Fachsprachprüfung


Für die medizinische Fachsprachprüfung ist es wichtig, dass Ihr sprachlich auf euren Patienten sowie auf seine Begleitperson reagieren könnt und auch die Fragen richtig stellt. Dazu gehört, dass Ihr in der 3. Person singular sprecht, wenn Ihr über euren Patienten sprecht und dass Ihr in der 3. Person plural sprecht, sobald ihr mit der Begleitperson sprecht. Im Falle dass ein Kind anwesend ist, müsst Ihr dieses, wie bereits am Anfang des Beitrags, in der 2. Person singular ansprechen.


Ein Beispiel für eine Fremdanamnese haben wir Euch in unserem YouTube Video “Die Fremdanamnese in der FSP” aufgenommen. Wenn Ihr Fragen dazu habt, könnt Ihr diese gerne in den Kommentaren stellen.


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